Warum wir ein globales Abkommen zu Plastikmüll brauchen. Jetzt.

Plastic rubbish pollution in ocean environment

Es gibt ein starkes, wirtschaftliches Argument für den Kampf gegen Plastikmüll: Die Umwelt- und Gesundheitsschäden durch ungebremste Verschmutzung durch Kunststoffe sind nicht nur extrem teuer, es gibt auch enorme Einsparpotenziale, schreibt Nils Simon in einem Artikel für ensia.

Kunststoffe tragen maßgeblich zum Erfolg unserer Wirtschaft bei, weil sie vielseitig, günstig und langlebig sind. Doch dank dieser Eigenschaften haben wir neben einer globalen Industrie mit inzwischen etwa 750 Milliarden US-Dollar Umsatz auch ein massives Problem geschaffen: Flüsse sind voller Plastikmüll, Strände sind mit Plastikflaschen überzogen, Massen von Kunststoff schwimmen im Ozean. Vögel verheddern sich in Plastikschnüren und Wale verhungern, ihre Mägen gefüllt mit Plastiktreibgut. Fische fressen Mikroplastik, und drch Freisetzung toxischer Zusätze können Kunststoffe schließlich auch für den Menschen schädlich sein.

Und das Problem verschärft sich: Im Jahr 2014 lag die Kunststoffproduktion bei 311 Millionen Tonnen, und sie nimmt weiter zu. Wissenschaftler schätzen, dass im Jahr 2010 zwischen 5 und 13 Millionen Tonnen an Kunststoffen ins Meer gelangten. Viele Hoffnungen lagen auf technischen Lösungen wie biologisch abbaubaren Kunststoffen, aber diese zerfallen in der Umwelt nicht schnell genug. Das Problem muss anders angegangen werden.

Zahlreiche internationale Initiativen haben erkannt, dass die Verschmutzung durch Kunststoffe entschieden bekämpft werden muss, so zum Beispiel die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen. Im Rahmen des G7-Gipfels 2015 auf Schloss Elmau verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der G7, diie Vermüllung der Meere zu bekämpfen. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) hat mehrere Studien zu den Folgen von Kunststoffen auf Meereslebewesen veröffentlicht, eine Reihe von Initiativen gegen die Ozean-Verschmutzung eingeleitet und auf der jüngsten UN-Umweltversammlung im Mai 2016 außerdem einen Beschluss zu Mikroplastik und Meeresvermüllung verabschiedet. Obwohl der Beschluss Plastikverschmutzung als ein schnell wachsendes, ernstzunehmendes Problem mit globalen Ausmaßen anerkennt, das dringend eine globale Antwort erfordert, haben all diese Initiativen bisher wenig dazu beigetragen, das Problem zu lösen.

Plastik endet im Ozean, aber es hat seinen Ursprung woanders

Wie kommt es, dass die Governance-Bemühungen zur Lösung der Plastikverschmutzung so wenig erfolgreich sind? Ein Grund sind sicher die unausweichlichen Schwierigkeiten die mit komplexen politischen Problemen verbunden sind, bei denen zahlreiche Akteure eigene Interessen haben und nicht nur eine einzige klare Lösung existiert. Dennoch glaube ich, dass ein mehr handlungsorientierter Ansatz den Weg zu dauerhafteren Lösungen ebnen kann. Um dies zu erreichen, müssen wir jedoch die derzeitigen Ansätze für multilaterales Handeln überdenken. Diese weisen bislang meist einen Schwerpunkt im Bereich Ozeane auf. Letzten Endes landet Plastik zwar in den Meeren, aber das Problem beginnt nicht dort.

Abkommen mit einem Fokus auf das Meer haben einfach nicht das Zeug, um die Hauptquellen der Plastikverschmutzung anzugehen. Es ist an der Zeit endlich wirksame Maßnahmen zu entwickeln und einen globalen Vertrag zu verhandeln, der in der Lage ist die Plastikverschmutzung auch über die Vermüllung der Meere hinaus anzugehen und die tiefer liegenden Ursachen zu bekämpfen.

Zurück zum Land

Zwei Optionen scheinen am praktikabelsten für eine solche verbindliche internationale Vereinbarung. Erstens könnte ein eigenständiger Vertrag ausgehandelt werden, ein multilaterales Umweltabkommen, das sich speziell mit der Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Kunststoffen beschäftigt. Dies müsste nicht von Grund auf und völlig neu entwickelt werden, da die UN bereits eine Reihe von Verträgen über verschiedene Chemikalien (was Kunststoffe sind) und Abfälle (was die meisten Kunststoffe werden) abgeschlossen hat. Dieser Chemikalien- und Abfallcluster ​​basiert auf den Übereinkommen von Basel, Rotterdam und Stockholm, die sich mit Transport und Entsorgung gefährlicher Abfälle, dem internationalen Handel mit giftigen Chemikalien sowie mit langlebigen organischen Schadstoffen befassen. Dieser Cluster wird in Kürze durch die Minamata-Konvention ausgebaut werden, welche Verwendung und Handel von Quecksilber und dessen Entsorgung reguliert. Jede dieser Konventionen könnte ein Modell für einen Kunststoffvertrag sein, der weitaus geeigneter wäre als eine auf das Meer fixierte Vereinbarung, da sie Bestimmungen über den Umgang mit Schadstoffen entlang des kompletten Lebenszyklus enthalten, die gefährlichsten Schadstoffe verbieten und einen Rahmen vorsehen, durch den ärmere Länder Unterstützung erhalten können.

Zweitens könnte das Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung dahingehend umgestaltet werden, dass es den gesamten Lebenszyklus von Kunststoff umfasst. Bereits im Jahr 2002 verabschiedeten die Mitgliedstaaten des Basler Übereinkommens technische Richtlinien für den Umgang mit Kunststoffabfällen. Diese Leitlinien könnten als Grundlage für eine Änderung des Übereinkommens dienen, die, sobald ratifiziert, ein nachhaltiges Management von Kunststoffen für seine Mitglieder verpflichtend machen würde.

Eine gemeinsame Vision und klare Ziele sind von entscheidender Bedeutung

Es sind auch weniger naheliegende Alternativen denkbar, die auf einer Mischung aus rechtsverbindlichen und freiwilligen Maßnahmen basieren. So werden beispielsweise so genannte "emerging policy issues" wie Nanopartikel, Medikamenten-Rückstände in der Umwelt oder das ungelöste Problem von Blei in Farben im Rahmen des Strategischen Ansatzes zum internationalen Chemikalienmanagement angegangen (SAICM). SAICM ist eine auf freiwilliger Basis funktionierende akteursübergreifende Plattform für nachhaltiges Chemikalienmanagement. Der Ansatz könnte dafür genutzt werden, um ein Programm zur Plastik-Governance ins Leben zu rufen, das Problembewusstsein von Regierungen und nichtstaatlichen Akteuren zu steigern und Vertragsverhandlungen vorzubereiten.

Darüber hinaus könnten land- und ozeanbasierte Ansätze so kombiniert werden, dass sie von ihren jeweiligen Stärken gegenseitig profitieren. Erstere könnten in einem eigenständigen Vertrag oder durch die Erweiterung bestehender Abkommen abgedeckt werden, wie oben beschrieben. Letztere könnten im Rahmen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (UNCLOS), des Internationalen Übereinkommens zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL) oder der verschiedenen regionalen Meeresabkommen, die sich auf die Verklappung von Abfällen oder verlorene Fischfanggeräte konzentrieren, angegangen werden.

Essentielle Elemente

Unabhängig von der Form einer neuen Vereinbarung wird letztlich ihr Inhalt der Schlüssel zum Erfolg für eine dauerhafte Verringerung der Kunststoffverschmutzung sein. Fünf wesentliche Elemente sollte daher berücksichtigt werden (siehe dazu auch diesen Vorschlag für einen Globalen Aktionsplan).

In erster Linie sind eine gemeinsame Vision und klare Ziele von entscheidender Bedeutung. Die Vision sollte das nachhaltige Management aller Kunststoffe während ihres gesamten Lebenszyklus umfassen. Eine Reihe konkreter Ziele könnten diesbezügliche Schritte zur Umsetzung festlegen. Deren Umsetzung wiederum sollte durch ein Review- oder Überprüfungssystem messbar gemacht werden, auch um Fortschritte in den einzelnen Ländern sichtbar zu machen.

Zweitens sollte ein Kunststoffabkommen effektive nationale Sammel- und Recyclingsysteme fordern (und unterstützen), da sie das wirksamste Mittel zur Vermeidung von Kunststoffvermüllung sind. Erweiterte Regelungen für Produzentenverantwortung und Partnerschaften zwischen verschiedenen Akteuren könnten einen weiteren Beitrag dort leisten, wo der Staat nicht ausreichende Kapazitäten hat. Wenn auch dies nicht ausreicht, müssten Kunststoffhersteller einen Teil ihrer Erlöse für die Einrichtung von Recyclingsystemen bereitstellen.

Drittens sollte der Vertrag Bedingungen für eine zirkuläre Plastikwirtschaft schaffen. In chemischen und anderen Unternehmen müssten Innovationen angestoßen werden im Bereich nachhaltiges Plastik, einschließlich schneller biologisch abbaubarer Kunststoffe. Dies stellt eine große Herausforderung für die Industrie dar, der im günstigsten Fall einen Wettlauf der Innovationen auslöst - so wie durch die Vorkehrungen zur Erhaltung der Ozonschicht durch das Montrealer Protokoll vor 30 Jahren. Kunststoffhersteller, welche die ersten entscheidenden Schritte machen, werden in den kommenden Jahren die größten Vorteile haben.

Viertens, egal wie gut Sammelsysteme für Plastikabfall sind und gleich wie nachhaltig innovative Kunststoffe werden, ein Teil von ihnen wird am Ende in der Umwelt landen (zusätzlich zu den Millionen von Tonnen, die bereits dort sind). Ein Kunststoffvertrag sollte daher Mechanismen vorsehen, um bereits in der Umwelt befindliches Plastik einzusammeln.

Fünftens, um all dies zu erreichen, muss ein Plastikvertrag Mittel zur Umsetzung bereitstellen. In diesen Tagen ist die Beschaffung von Mitteln für multilaterale Vereinbarungen ein ziemlich harter Job, aber es gibt ein starkes wirtschaftliches Argument für die Bewältigung der Kunststoff-Herausforderung: Nicht nur Umwelt- und Gesundheitsschäden sind bei ungebremster Kunststoffverschmutzung extrem teuer, sondern es existiert auch enormes Einsparpotenzial (so schätzt die Ellen MacArthur-Stiftung, dass 95 Prozent des Wertes von Kunststoff-Verpackungen - etwa 80 Milliarden US-Dollar bis 120 Milliarden US-Dollar - jedes Jahr verloren gehen, wenn das Material weggeworfen wird).

Es ist an der Zeit, den Fokus auf das Völkerrecht zu legen

Das globale Plastik-Problem wird nicht einfach durch ein neues internationales Abkommen gelöst. Ein solcher Vertrag könnte jedoch das Fundament für einen umfangreicheren Ansatz sein, der öffentliche und private Akteure, verbindliche Regulierung und marktgestützte Systeme, landbasierte und ozeanzentrierte Aktivitäten miteinander verbindet.

Wir haben in der Vergangenheit viel partnerschaftliches, ozeanzentriertes und meist freiwilliges Handeln gesehen. Es ist an der Zeit, das Völkerrecht miteinzubeziehen und einen Vertrag zu erarbeiten, der eine echte und dauerhafte Lösung vorantreibt.

Dr. Nils Simon ist Senior Project Manager beim Berliner Think Tank adelphi. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die internationale Zusammenarbeit"We need a global treaty on plastics. Here’s what it should look like." wurde am 9. August 2016 online veröffentlicht. Hier neu veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von ensia.

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