„Unser Projekt im Sudan war damit ein Pilotvorhaben“ - Interview mit Lukas Rüttinger

Wenige Wochen vor dem Putsch des sudanesischen Militärs Ende Oktober 2021 und den Protesten auf den Straßen hielt sich adelphis Senior Advisor Lukas Rüttinger in dem ostafrikanischen Land auf. Im Interview spricht er über seine Arbeit und den Gegebenheiten vor Ort.

10.12.2021

Sudans oberster General Abdel Fattah al-Burhan hatte am 25. Oktober 2021 den Ausnahmezustand im Land erklärt. Zuvor entließ er die Mitglieder der bis dato eingesetzten Übergangsregierung von ihren Ämtern, einschließlich des Regierungschefs Abdalla Hamdok. Demonstrierende zogen daraufhin durch die Straßen und protestierten gegen den Putsch. Aus der Hauptstadt Khartum wurden Feuergefechte gemeldet.  

Im Rahmen des Projekts „Klimawandel und Sicherheit“, das vom UN-Umweltprogramm (UNEP) und der Europäischen Union initiiert wurde und bei dem adelphi die Projektarbeit unterstützt, sollen die destabilisierenden Folgen des Klimawandels in fragilen Situationen untersucht und neue Ansätze entwickelt werden, um Klima-Fragilitäts-Risiken zu begegnen.

Im Sudan arbeitet adelphi dafür mit der internationalen Entwicklungsorganisation Practical Action zusammen. Der Fokus ihrer Arbeit liegt in der Kooperation mit lokalen Gemeinden, um dauerhafte und lokale Lösungen für Landwirtschaft, Wasser- und Abfallwirtschaft, Klimaresilienz und saubere Energien zu entwickeln.

Du warst vor Kurzem im Sudan: Warum?

Lukas Rüttinger: Der Grund unserer Reise war das finale Monitoring und die Evaluation unseres Projekts, das im Februar 2022 zu Ende geht. Wir sind in den Sudan gereist, um zu schauen, was funktioniert hat und was nicht. Dazu haben wir vor allem Gespräche mit unseren Projektpartnern, der Bevölkerung und Regierungsvertretern geführt, über das Projekt selbst und auch über die Frage, welche Form der Zusammenarbeit als Nächstes kommen kann.

Kann man denn momentan im Sudan sicher arbeiten?

Lukas Rüttinger: Die Sicherheitslage im Sudan war vorher schon angespannt und volatil. Seit den Protesten im Sudan, die Ende 2018 ausbrachen, und der Machtübernahme des Übergangsrats hat sich die Situation wieder verschärft. In der Stadt El Fasher der Region Darfur, wo wir uns aufhielten, haben die Aktivitäten von bewaffneten Gruppen seitdem zugenommen. Und auch in Khartum war die Lage aufgrund von Protesten angespannt. Es ist wirklich deprimierend, das alles vor Ort mitzubekommen. Gerade vor dem Hintergrund, dass die neue Übergangsregierung zuvor sehr aufgeschlossen gegenüber uns war. Auch bei unseren Projektpartnern herrschte Aufbruchstimmung, die Hoffnung, dass sich die Dinge bald ändern.

Wie habt ihr euch geschützt?

Lukas Rüttinger: Bewaffnete Gruppen hatten Checkpoints direkt außerhalb des UN-Peacekeeping-Camps in El Fasher aufgebaut. Dem konnte man sich also nicht entziehen. In Khartum haben wir uns während der Proteste und den Anweisungen der UN folgend nicht mehr bewegt. Außerdem haben wir die Stadtteile, wo es regelmäßig zu Protesten kommt, gemieden. Wir unterliegen dort den UN-Sicherheitsbestimmungen, die relativ streng sind. In Darfur haben wir zum Beispiel auch ein paar Tage warten müssen, bis uns die UN die Erlaubnis gab, ins Feld gehen zu dürfen.

Und wo wart ihr in El Fasher untergebracht?

Lukas Rüttinger: Wir befanden uns dort in Friedensmissionscamps von UNAMID, des Hybriden Einsatzes der Afrikanischen Union und der UN in Darfur. Dort haben wir in Bungalows gewohnt, die man mieten kann.

Hast du dich denn sicher gefühlt?

Lukas Rüttinger: Sagen wir es so: Ich habe mich nicht direkt bedroht gefühlt. Es ist natürlich immer schwer, die Lage richtig einzuschätzen. Wir vertrauen da insbesondere auf unsere Projektpartner von Practical Action. Sie arbeiten jeden Tag vor Ort und haben sehr gute Netzwerke und Informationen, ob und wann man sich zum Beispiel bewegen kann. Aber selbstverständlich kann man nie ausschließen, dass irgendwas passiert.

Im Büro der internationalen Entwicklungsorganisation Practical Action

Glaubst du, dass sich die Sicherheitslage weiter verschärft?

Lukas Rüttinger: Nun, ich denke, wir müssen abwarten. Viele internationale Beobachter*innen sagen, dass die Militärführung wenig Chancen habe, einfach so weiterzumachen wie bisher. Im schlimmsten Fall würde die Lage nämlich eskalieren. Ein anderer wichtiger Aspekt ist das beschlossene Juba-Friedensabkommen zwischen der Übergangsregierung und dem Bündnis mehrerer Rebellengruppen, das am Ende des Übergangs demokratische Wahlen vorsieht. Sollte das aufgekündigt werden, werden wir wieder mehr militärische Konflikte beobachten.

Welche Wirkung hat euer Projekt erzielt?

Lukas Rüttinger: Als wir damals, vor mehr als fünf Jahren, begonnen hatten, gab es kaum Vorhaben, die den Nexus Klimawandel und Sicherheit im Sudan oder auch anderen Ländern direkt behandelt hat. Unser Projekt war damit ein Pilotvorhaben! Wir haben versucht, durch die Integration von Klimawandelanpassungs- und Friedensentwicklungsmaßnahmen konkrete Klima- und Sicherheitsrisiken zu bearbeiten. Wir haben uns hier vor allem auf lokale Konflikte um natürliche Ressourcen konzentriert. Im Sudan gibt es immer wieder Konflikte um Land und Wasser, besonders häufig zwischen nomadischen oder semi-nomadischen Pastoralisten (Viehzüchtern) und sesshaften Bauern.

Im Sudan geraten sesshafte Bauern und umherziehende Pastoralisten häufig aneinander.

Was habt ihr genau gemacht?

Lukas Rüttinger: Auf lokaler Ebene haben wir in den Gemeinden Komitees für die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen und die Friedenskonsolidierung eingerichtet. Außerdem haben wir Trainings in Konfliktmediation und Konfliktlösung gegeben. Das haben wir flankiert mit vielen Maßnahmen zur Anpassung und Diversifikation der Lebensgrundlagen hin zu nachhaltigeren und resilienteren Landwirtschaftsansätzen wie etwa der Einführung von widerstandsfähigem Saatgut. Was wir seitdem bemerkt haben ist, dass lokale Konflikte vermehrt präventiv bearbeitet werden. In der Vergangenheit wären Auseinandersetzungen zwischen umherziehenden Hirten und Bauern eher in Gewalt ausgebrochen.

Wie klärt ein Komitee dann so einen Fall auf?

Lukas Rüttinger: Das ist ganz unterschiedlich. Oft aber beginnt das Komitee mit einem Informationsbesuch bei den streitenden Parteien, um herauszufinden, was genau passiert ist und wer die Schuld daran trägt. Ein Fall zum Beispiel: Eines Nachts war ein Tier eines Pastoralisten ausgebüxt und machte sich über ein Feld eines Bauern her. Es wurde das Nachbardorf beschuldigt. Schnell stellte sich aber heraus, dass das Tier jemand anderes gehörte. Das Komitee ging auf jene Person zu und forderte eine Entschädigungszahlung. Inzwischen war der betroffene Bauer so zufrieden mit dem Prozess und dem Schuldeingeständnis der Person, dass sie sich am Ende auf eine viel niedrigere Summe einigten – und der Konflikt war schnell gelöst!

Parkende Geländewagen unter einem Affenbrotbaum (Baobab)

Und was hat nicht so gut funktioniert?

Lukas Rüttinger: Im Sudan sind Frauen leider eine ausgegrenzte Mehrheit, vor allem, wenn es um natürliches Ressourcenmanagement, wirtschaftliche Aktivitäten und überhaupt Entscheidungsprozesse geht. Wir haben versucht, Frauen in diese Prozesse zu integrieren. Teilweise war das von Erfolg gekrönt, etwa im Bereich ökonomisches Empowerment. Auch bei der Komitee-Bildung haben wir darauf geachtet, dass Frauen vertreten sind. Wo wir weniger erfolgreich waren, war bei der Beteiligung von Frauen während der Konfliktlösungsprozesse. Traditionell ist das im Sudan nämlich immer noch Männersache. Diesen Aspekt werden wir beim nächsten Mal stärker fokussieren, wissend, dass es ein langer sozialer Wandlungsprozess ist.

Ist denn schon absehbar, ob und wann du in den Sudan zurückkehrst?

Lukas Rüttinger: Vermutlich werde ich im Rahmen eines anderen Vorhabens im kommenden Jahr wieder vor Ort sein, auch weil sich die UN momentan vermehrt dem Thema Klimawandel und Sicherheit im Sudan annimmt.

Lukas, vielen Dank für deine Zeit!