Zeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können

Am 17. November veranstaltete adelphi auf der COP23 eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, die sich folgender Frage widmete: „Wie können Sicherheitsrisiken durch den Klimawandel verhindert werden?“. Die Teilnehmenden zogen Bilanz und diskutierten über Möglichkeiten, Klimarisiken zu verhindern

04.12.2017

An der lebhaften Debatte beteiligt waren Ronald Jumeau (Botschafter der Seychellen bei der UN), Enele Sosene Sopoaga (Premierminister von Tuvalu), Peter Fischer (stellvertretender Generaldirektor für Globalisierung, Energie- und Klimapolitik beim Auswärtigen Amt) und Krishneil Narayan (Leiter des Klimanetzwerks der pazifischen Inseln –Pacific Islands Climate Action Network). Chitra Nagarajan (unabhängige Konfliktberaterin aus Borno im Nordosten Nigeria) war der Diskussion per Videokonferenz zugeschaltet. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dennis Tänzler (Director of International Climate Policy bei adelphi).

„Kümmern Sie sich um die Klimabedrohung. Geben Sie niemanden einen Grund, aus seiner Heimat zu fliehen” 

Dennis Tänzler eröffnete die Diskussion mit dem Hinweis, dass der Klimawandel ein „Bedrohungsmultiplikator“ sei. Er betonte, dass der Klimawandel erhebliche gesellschaftliche und politische Risiken mit sich bringe und zu Umweltzerstörung sowie Wasser- und Lebensmittelknappheit beitrage. Dadurch wiederum könnten sich gesellschaftliche Spannungen oder gar Konflikte in Zukunft verschärfen. Kleine und fragile Staaten seien am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.

Botschafter Jumeau erklärte, dass der Klimawandel mehr als ein Bedrohungsmultiplikator sei: Für sein Land stellt er eine existenzielle Bedrohung dar. Er forderte dringendes Handeln: „Zeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können.“  Er betonte, dass in den letzten Jahren viele Gespräche stattgefunden haben, findet jedoch: „Wir haben genug geredet. Letztendlich wird dabei doch nur heiße Luft aufgewirbelt. Was wir brauchen, sind Taten.“

Jumeau appellierte für eine größere globale Verantwortung und sprach sich für weitere Emissionssenkungen, ein umfassendes Übergangsprogramm und bessere Finanzierungsmöglichkeiten für die Anpassung an den Klimawandel aus. Er wies darauf hin, dass ein mangelnder Fortschritt beim Klimaschutz Konsequenzen haben werde – und dies aufgrund klimabedingter Migrationsströme auch für die Länder, die nicht direkt vom Klimawandel betroffen sind. Daraus ergibt sich eine enorme politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung: „Ich kann nur warnen: Kümmern Sie sich um die Klimabedrohung. Geben Sie niemanden einen Grund, aus seiner Heimat zu fliehen.“ Kleine Inseln hätten eine Vorreiterrolle in der internationalen Klimapolitik eingenommen, da der Klimawandel für sie eine existenzielle Bedrohung darstelle, so Jumeau. Er unterstrich die Anstrengungen der Seychellen und schloss: „Ich gehe mit gutem Beispiel voran und wenn ich zum Handeln aufrufe, dann schallt meine Stimme weit über mein Land hinaus.

„Wir können mehr als immer nur reden, reden, reden.”

Enele Sosene Sopoaga und Krishneil Narayan unterstützten Jumeau in seinem Appell für verstärkte Klimaschutzmaßnahmen. Sopoaga verwies auf die erheblichen Auswirkungen von Zyklonen auf Pazifikinseln sowie den Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten zur Stärkung der Resilienz einerseits, und für den Wiederaufbau nach Katastrophen andererseits. „Der Klimawandel ist eine Massenvernichtungswaffe für mein Land“, so Sopoaga. Er betonte die Anstrengungen von Tuvalu sowie die Rolle der Pacific Catastrophe Risk Assessment and Financing Initiative (PCRAFI), eine regionale Lösung zur Absicherung gegen den Klimawandel und Finanzierung von Katastrophenhilfe. Er dankte der deutschen Regierung für die Unterstützung dieser Bemühungen im Rahmen der Resilienz-Initiative und des globalen Partnerschaftsprogramms, forderte jedoch stärkere gemeinsame Anstrengungen: „Lasst uns mutig sein. Lasst uns umsetzen, was in Paris besprochen wurde. Wir können mehr als nur reden, reden, reden.“ Narayan zog Bilanz der Entwicklungen der COP23 und stellte fest, dass die pazifischen Inseln eine Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik eingenommen haben: „Wir sind keine kleinen Inselstaaten, sondern große Ozeanstaaten“, so Narayan. Dennoch hätten die pazifischen Inseln einen größeren Fortschritt erwartet. Es sei wesentlich, weiter voranzuschreiten.

„Klimawandel ist ein Querschnittsthema“

Peter Fischer vom Auswärtigen Amt begrüßte und unterstützte das Engagement der kleinen Inselstaaten: Vulnerabilitäten zu adressieren und negative Folgen des Klimawandels abzuwenden sei eine Priorität für Deutschland. Er betonte, dass klimabezogene Herausforderungen eines integrierten Vorgehens bedürften: „Der Klimawandel ist ein Querschnittsthema, das humanitäre, entwicklungspolitische und friedensfördernde Maßnahmen erfordert.“ Mit Blick auf die Einrichtung der G7-Arbeitsgruppe für Klimarisiken und Fragilität sowie die Planetary Security Initiative betonte Fischer, dass Deutschland als Teil der G7 sein Bestes gebe, um sich weiterzubilden, neue Werkzeuge zu entwickeln und neue Partnerschaften zu schließen, um mit dem Klimawandel verbundene Herausforderungen anzugehen. Fischer bezog sich außerdem auf die außenpolitischen Herausforderungen in Bezug auf Vertreibung und Migration und verwies auf die Probleme der Region des Tschadsees. Der Klimawandel sei eine Bedrohung der internationalen Sicherheit, die ernst genommen werden müsse, so sein Fazit.

Die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Konflikten müssen besser verstanden werden

In ihrer Videobotschaft gab Chitra Nagarajan einen Überblick über die Konfliktsituation im Nordosten Nigerias sowie den Hintergrund und die Aktivitäten der aufständischen Gruppen und erläuterte, wie Umwelteffekte die Sicherheitsrisiken in der Region verschärfen. Sie betonte den erheblichen Druck, dem die Bevölkerung des Tschadbeckens aufgrund von Konflikten, der Anwerbeversuche terroristischer Vereinigungen und geschlechtsspezifischer Gewalt einerseits, sowie des Verlustes von Ressourcen und damit ihrer Lebensgrundlage durch die Auswirkungen des Klimawandels andererseits, ausgesetzt ist. „Wir erleben hier immer größere Niederschlagsschwankungen […]. Landwirte, mit denen ich gesprochen habe, klagen über die Auswirkungen auf ihre Ernten.” Sie räumte zwar ein, dass ein wissenschaftlicher Konsens über die Verkettung von Klima und Sicherheit problematisch sei, doch betonte, dass sich ein Zusammenhang kaum leugnen ließe. „Beide Dynamiken – die Konfliktdynamiken und der Klimawandel – ereignen sich im selben geographischen Raum und betreffen die gleichen Gemeinschaften“. Sie erinnerte die internationale Gemeinschaft daran, dass es zwar bereits Strategien für Konfliktmanagement und zur Abschwächung des Klimawandels gäbe und diese auch bereits angewandt würden. Für tragfähige politische Interventionen sei jedoch dringend ein besseres Verständnis der Dynamiken und Zusammenhänge von Konflikt und Klimawandel notwendig. Nagarajan unterstrich die Rolle von adelphi bei der Schließung dieser Wissenslücke durch das Projekt Lake Chad Risk Assessment.

Abschließende Diskussion

Die anschließende Debatte drehte sich darum, welche Vor- und Nachteile die Betrachtung des Klimawandels als Sicherheitsrisiko hat. Einige warnten, dass eine solche Betrachtung zu einer Militarisierung politischer Strategien führen könnte, was bei der Begegnung des Klimawandels nicht förderlich wäre. Andere hoben die unverhältnismäßig großen Auswirkungen von Katastrophen hervor und zeigten sich interessiert an der Frage, wie ernst es den Ländern mit der Umsetzung des Gender-Aktionsplans sei.

Die diesjährige UN-Klimakonferenz COP23 wurde als Fortschritt wahrgenommen, aber alle Teilnehmenden waren sich einig, dass ein weiteres und schnelleres Handeln notwendig ist. Lösungen zur Absicherung gegen den Klimawandel und eine dem jeweiligen Ökosystem angemessene Anpassung seien wichtig, ebenso wie innovative Instrumente zur Bewältigung klimabezogener Risiken. Allerdings gäbe es kein Allheilmittel. Generell sei eine stärkere Finanzierung zur Unterstützung von Klimaresilienz-Initiativen nötig. Integrierte Ansätze, eine umfassende Wissensgrundlage, neue Werkzeuge und Partnerschaften seien wesentlich zur Verhinderung und Bewältigung klimabedingter Fragilitätsrisiken.