Landkreise – die stillen Helden des Wandels

Stadt von oben

Standen bislang vor allem Städte im Fokus der Klimaschutzpolitik Deutschlands, so wird zunehmend das Handlungspotenzial von Landkreisen erkannt. Sie bieten den Schlüssel zur regionalen Ebene im Klimaschutz und erweisen sich bei näherer Betrachtung als wahre Helden des Wandels.

Das hat zunächst mit dem großen Potenzial zu tun, das Landkreise für den Klimaschutz bereithalten. Städte verursachen rund 70 Prozent der CO2-Emissionen und stehen somit zu Recht im Fokus der Anstrengungen im Klimaschutz. Doch in der Praxis müssen diese Anstrengungen oft von den Städten und Gemeinden allein gemeistert werden. Sicherlich ein Grund dafür, dass bislang nur rund 30 Prozent der über 11.000 Städte und Gemeinden in Deutschland die Nationale Klimaschutzinitiative (NKI) in Anspruch nehmen.

Landkreise hingegen bündeln das Potenzial von vielen kleinen Städten und Gemeinden, im Durchschnitt über 30 Kommunen pro Landkreis (außer kreisfreie Städte). Durch ihre überörtliche Stellung sind viele Landkreise in der Lage, kleinere Kommunen für den Klimaschutz zu gewinnen, sie zu aktivieren und ihren Erfolg zu fördern. Durch den ländlichen Kontext sind Landkreise naturgemäß ohnehin schon lange insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien zu Hause. Kein Wunder also, dass bis heute etwa 85 Prozent der 294 Landkreise auch die NKI in Anspruch nehmen.

Landkreise sind Motor des kommunalen Klimaschutzes

Als die Bundesregierung 2008 die NKI ausrief, rückten die Kommunen in den Fokus der Förderung. Grundsätzlich standen meist Städte und Gemeinden im Vordergrund, Landkreise als übergeordnete kommunale  Verwaltungsebene hingegen erfuhren wenig Aufmerksamkeit. Ihr Wirkungskreis konzentriert sich zumeist auf Aufgaben mit überörtlichem Charakter und solche kommunalen Verantwortlichkeiten, die von Städten und Gemeinden allein nicht bewältigt werden können.

Die Besonderheit beim Klimaschutz liegt zudem in dem Umstand, dass er bislang eine freiwillige Aufgabe der Kommunen ist und somit gerade bei kleinen Gemeinden neben den zu erledigenden Pflichtaufgaben kaum verfolgt wird. Immer öfter tun sich inzwischen heute in der Praxis Vorreiterkreise hervor, die eine neue Rolle der Landkreise definieren. Gerade im Themenfeld Klimaschutz werden diese Landkreise vielfach nicht nur gar zu Dienstleistern für Bürger, Unternehmen und Kommunen, sondern sind selbst Motor des kommunalen Klimaschutzes ganzer Regionen.

Vorreiter Gießen und St. Wendel

Landkreise sind zentral für die Energiewende und das Erreichen nationaler Klimaschutzziele. Und das lohnt sich auch für die Wirtschaft einer Region, wie das Beispiel des mittelhessischen Landkreises Gießen zeigt: „Mehr als eine halbe Milliarde Euro verlassen den Landkreis Gießen für den Ankauf von Primärenergie, eine gewaltige Summe, die wertschöpfend in der Region gehalten werden soll. Klimaschutz und eine zukunftsfähige Energieversorgung sind somit im Landkreis Gießen zu einem wichtigen Baustein der Wirtschaftsförderung geworden“, stellte Landrätin Anita Schneider im Jahr 2017 fest.

Andere Landkreise, wie etwa das saarländische St. Wendel, vereinigen über ihre Klimaschutzinitiative Null-Emission Landkreis St. Wendel mehrere Themen: „Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und regionale Identität“. Diese regionale Dachmarke und auch der Verein „Zukunfts-Energie-Netzwerk St. Wendeler Land“ haben zu mehr Zusammenhalt und Identifikation in und mit der Region und Unabhängigkeit von Energieimporten und Stärkung der regionalen Wirtschaft beigetragen.

"Coaches" für die Transformation

Nicht zuletzt haben viele Landräte und Landrätinnen erkannt, dass sie mehr für Ihre Kommunen sein können: Vorbilder durch eigenes Engagement und unterstützender Berater und Dienstleister, auch im Sinne einer kreisweiten Koordination der Klimaschutzaktivitäten. Diese verantwortungsvollen Rollen haben meist KlimaschutzmanagerInnen inne und werden im besten Falle von ihren Landräten und Landrätinnen unterstützt. Das Projekt "Landkreise in Führung" empfiehlt perspektivisch mindestens zwei Personalstellen für Klimaschutz, denn ohne entsprechende Personalstruktur ist es für Landkreise unmöglich, ihr kollaboratives und koordinierendes Potenzial im Klimaschutz zu entfachen.

Dank ihrer Zuständigkeit für großflächige geographische Räume können sie die Bedarfe der ganzen Region ermitteln und an BürgermeisterInnen Wissen und Erfahrungen aus anderen Nachbarkommunen vermitteln. Landkreise sind oftmals wesentliche Treiber im regionalen Klimaschutz – und erweisen sich in der Praxis als motivierende „Coaches“ für die damit verbundene größere strukturelle Transformation. Die lange Zeit vernachlässigten Landkreise erweisen sich so bei näherer Betrachtung immer öfter als wahre Helden des Wandels.


Wie die Rolle der Landkreise in Zukunft aussehen soll, diskutieren Landräte, Dezernenten, Klimaschutzmanager, Vertreter von Landesministerien und Energieagenturen aus allen 13 flächigen Bundesländern am 11. September bei der ersten Klimaschutzkonferenz für Landkreise in Berlin.

Dr. Marcus Andreas, Saskia Schütt und Lia Weitz haben mehr als zwei Jahre lang in dem Projekt „Landkreise in Führung!“ gearbeitet, welches vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) finanziell unterstützt wurde und mit der oben genannten Konferenz abschließt.

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