Leben in Harmonie mit der Natur: Was heißt das, und wie erreichen wir das?

First Lady Michelle Obama and White House Chefs join children from Bancroft and Tubman Elementary Schools to harvest vegetables during the third annual White House Kitchen Garden fall harvest on the South Lawn, Oct. 5, 2011.

Im „Superjahr“ der Biodiversität wollen Länder im Oktober 2020 einen „New Deal für die Natur“ verhandeln. Wir stellen hier drei Empfehlungen für ein starkes Narrativ für transformativen Wandel vor.

Die Geschwindigkeit, mit der Arten aussterben, hat ein bisher ungekanntes Ausmaß erreicht. Menschliche Aktivitäten haben bereits drei Viertel der weltweiten Landmasse und zwei Drittel der Meere signifikant verändert. Mehr als 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verloren. Diese Ergebnisse des Weltbiodiversitätsrates IPBES von 2019 bestätigen, was wir schon wissen: Es ist sehr ernst. Um diese besorgniserregenden Entwicklungen aufzuhalten und die Vision der Artenschutzkonvention (CBD) von einem „Leben in Harmonie mit der Natur“ Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir einen „transformativen Wandel“, so der IPBES.

Die Zeit wird knapp, in der wir den Verlust an Artenvielfalt noch verlangsamen oder gar aufhalten können. Aktuell verhandelt die internationale Gemeinschaft ein neues Globales Biodiversitäts-Rahmenwerk für die Zeit nach 2020, das während der fünfzehnten Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties, COP-15) beschlossen werden soll. Frühere Anstrengungen, das Artensterben aufzuhalten, konnten die Trends nicht beeinflussen und den Verlust an Biodiversität nicht verlangsamen. Die Erwartungen an die Verhandlungen sind dementsprechend hoch.

Im Februar 2020 fand die zweite Verhandlungsrunde über das neue globale Rahmenwerk in Rom statt. Zur selben Zeit versammelten sich Fachleute aus Wissenschaft und Politik in Davos in der Schweiz, um zu beraten, wie das Potenzial der COP-15 genutzt werden können. Welche Narrative können dabei helfen, die Vision der CBD zum Leben zu erwecken und alle Teile der Gesellschaft dazu anregen, aktiv zu werden?

Hier sind drei Kernpunkte, die zentral dafür sein werden, ein starkes Narrativ für transformativen Wandel zu entwickeln, das die Umsetzung des neuen Post-2020-Rahmenwerks unterstützen kann.

#1 Verständnis von transformativem Wandel durch viele Augen schärfen

Der Vorentwurf des neuen Rahmenwerks, der im Januar 2020 veröffentlicht wurde, und die letzte Verhandlungsrunde in Rom im Februar haben beide die wichtige Rolle von transformativem Wandel bekräftigt. Was diese Idee von transformativem Wandel in der Praxis bedeutet, bleibt allerdings unklar: Wie radikal wäre die Transformation unserer Ökonomien und Gesellschaften? Wie können die Menschen ein Gefühl der Teilhabe entwickeln? Warum sollten Unternehmen und der Finanzsektor sich daran beteiligen wollen? Wir müssen klare Vorstellungen entwickeln und ausbuchstabieren, was die Vision der CBD eines „Lebens in Harmonie mit der Natur“ bedeutet und wie transformativer Wandel zu einer Zukunft führen kann, in der diese Vision Realität wird.

IPBES bereitet aktuell ein Assessment zu transformativem Wandel vor, in dem auch sogenannte Biodiversitäts-Zukünfte entwickelt werden. Das IPBES-Assessment wird auf einem interaktiven Dialog mit Beteiligten aus der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft aufbauen müssen, damit sichergestellt ist, dass diese Biodiversitäts-Zukünfte die Werte und Bedürfnisse der unterschiedlichen Handelnden weltweit widerspiegeln. Zudem, und noch wichtiger, benötigen wir einen breiteren Dialog, um die Vision der CBD mit Leben zu erfüllen, das über das IPBES-Assessment hinausgeht und sich der Frage stellt, wie eine der Artenvielfalt zuträgliche Zukunft aussehen würde.

#2 Raum für radikalere Ideen

Im Angesicht des fortschreitenden Artensterbens brauchen wir neue Perspektiven und radikalere Ideen dazu, was ein „Leben in Harmonie mit der Natur“ bedeutet. Ein transformativer Wandel könnte recht drastische Veränderungen unseres gegenwärtigen Lebensstils implizieren. Um unsere Vorstellungskraft anzuregen und ein Bewusstsein für die große Vielfalt an möglichen Zukünften zu schaffen, sollten wir auch radikalere Ideen mitdenken und ihnen Raum geben. Solche vielfältigeren Perspektiven können einen Resonanzboden für ein tieferes Verständnis davon bilden, was transformativer Wandel heißen kann und wo wir neue, ergänzende Ansätze brauchen, um den Artenverlust anzugehen.

Zu den vielversprechenden Ideen und Initiativen, die weiteren Dialog über transformativen Wandel inspirieren können, gehören Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen in sogenannten Biodiversität-Hotspots oder Initiativen wie die Slow-Food-Bewegung, die die Menschen in der Landwirtschaft wieder mit städtischen Konsumentinnen und Konsumenten verbinden will. Slow Food zeigt zum Beispiel, in welcher Weise Biodiversität tief in lokaler Kultur eingebettet ist und so Bedeutung und Wert erlangt. Solche Ansätze bieten Lösungen in kleinem Maßstab und könnten als kurz- und mittelfristige Aktionen für eine langfristigere Vision dienen.

#3 Von der Klimabewegung lernen, wie Druck für transformativen Wandel erzeugt werden kann

In letzter Zeit hat der Klimawandel auf der politischen Agenda deutlich an Bedeutung gewonnen, vor allem aufgrund von Bewegungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion. Diese Bewegungen haben es geschafft, den Diskurs innerhalb kurzer Zeit zu verschieben. Der Artenverlust bräuchte eine ähnliche gesellschaftliche Mobilisierung für transformativen Wandel, um Druck auf Entscheidungsträger und -trägerinnen auszuüben.

Im Klima-Kontext ist der Ruf nach einer Transformation wirtschaftlicher Sektoren älter als das Pariser Übereinkommen (z.B. die sogenannten NAMAs, national angemessene Minderungsmaßnahmen). Konzepte dafür, wie eine klimafreundlichere Wirtschaft aussieht, konnten daher über einen längeren Zeitraum entwickelt werden. Während es für den Klimawandel außerdem klare technische Lösungen gibt, geht es beim Artenschutz oft um Verhaltensänderungen (etwa in der Landwirtschaft).

Die anhaltende Diskussion über transformativen Wandel und die Verfügbarkeit technologischer Lösungen dürfte dazu beigetragen haben, die Klimabewegung neu zu beleben. Die Voraussetzungen für Biodiversität sind weniger ideal; da es keine technologischen Lösungen gibt, brauchen wir umso mehr starke Narrative, um biodiversitätsfreundliche Praktiken zu verankern und unsere Konsumgewohnheiten zu verändern.

Dieser Artikel basiert auf der Paneldiskussion „New ideas for biodiversity – disruptive approaches to inspire and reinvigorate the debate“, der von Kathrin Ludwig, adelphi, organisiert und moderiert und am 27. Februar 2020 beim World Biodiversity Forum in Davos, Schweiz, durchgeführt wurde. Dieses Panel ist Teil von adelphis Pilotprojekt „Disruptive Ideas 4 Nature“, das darauf abzielt, neue Ansätze herauszustellen, die weiter ausdefinieren, was transformativer Wandel beinhalten könnte. Indem wir die Rolle herausstreichen, die Experimente und Lernprozesse spielen, wollen wir zu einer laufenden Debatte darüber beitragen, wie Biodiversitätspolitik neu gedacht werden kann. Lesen Sie hier mehr über das Projekt und hier über die Paneldiskussion.

Ansprechpartnerin: Kathrin Ludwig

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