Nach der COP27: Warum es so wichtig ist, mit der Sicherheitsbrille auf die Klimabedrohungen zu schauen

Entfesselte Naturgewalten, verheerende Kriege und eine globale Energiekrise – nie zuvor waren die Sicherheitsrisiken, die durch den Klimawandel eine ganz neue Dimension annehmen, so deutlich wie in diesem Jahr. Bei den COP27-Verhandlungen wurde der Zustand der globalen Unsicherheit zwar größtenteils ausgeklammert. Aber die entscheidenden Debatten über Klimareparationen für die am stärksten betroffenen Länder (Loss & Damage) haben den Argumenten für präventive Maßnahmen neues Gewicht verliehen. Dies ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die Bekämpfung der klimabedingten Bedrohungen für unsere Sicherheit.

Auf geschätzte 29 Milliarden US-Dollar belaufen sich die weltweiten Kosten, die durch extreme Wetterereignisse im Jahr 2022 entstanden sind (Stand Oktober). Durch den Hurrikan Ian etwa sind in Florida 125 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 20.000 sind während Europas Hitzesommer gestorben. Und die Monsunfluten in Pakistan haben mehr als 1.700 Menschen in den Tod gerissen. Diese Katastrophen zählen zu den tödlichsten, die je aufgezeichnet wurden.

Die Wissenschaft ist heute bestens in der Lage zu beurteilen, welche Rolle der Klimawandel bei all diesen Extremereignissen spielt. Es besteht kaum ein Zweifel, dass diese Ausdruck des Klimawandelzeitalters sind. Da wir künftig also mit mehr Fluten, Wirbelstürmen und Dürren rechnen müssen, müssen wir lernen, wie wir in dieser prekären Zukunft (über)leben können. Einen Finanztopf für klimabedingte Schäden und Verluste aufzusetzen ist durchaus ein wichtiger Schritt. Die Grundlagen dafür wurden auf der diesjährigen COP gelegt, was auch historisch ist. Aber schauen wir mit der Sicherheitsbrille auf die Klimabedrohungen, stellen wir fest: Es gehört mehr dazu, als nur bereit zu sein, für die nächste Katastrophe zu zahlen.

Wenn eine Klimafolge zum Sicherheitsrisiko wird

Schon vor den historischen Fluten, die Tausende Leben gekostet und zig Millionen Häuser zerstört haben, haben eine ganze Reihe von Stressoren dazu beigetragen, dass Pakistan heute so extrem verletzlich ist. Aufgrund seiner geopolitischen Lage verlässt sich das Land auf die finanzielle Unterstützung von China, um sein angeschlagenes Industrie- und Energiesystem zu stützen. Die Grundlage für das Bündnis: Beide Länder eint die feindseligen Beziehungen zu Indien. Zudem geriet Pakistan in eine Schuldenkrise, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft wurde. Politische Unruhen machten sich zunehmend breit und gipfelten schließlich – kurz vor Beginn der Regenzeit – in einem Regierungswechsel. Die Bürger*innen Pakistans haben sowohl die schlechte Regierungsführung, unter der besonders die Landbevölkerung leidet, als auch die Klimakrise für die Verwüstung im Land verantwortlich gemacht. Doch nicht nur in Pakistan, überall auf der Welt erkennen wir, dass die Anfälligkeit für Klimarisiken und die Fragilität von Staaten und Gesellschaften Hand in Hand gehen.

Doch der Klimawandel ist keine Bedrohung per se. Genauso wenig muss ein Erdbeben unbedingt tödlich sein. Aber ein Dach, das auf den Kopf eines Menschen fällt, ist es allemal. In ähnlicher Weise verursacht der Klimawandel nicht direkt Ungleichheit. Aber er wirkt sich auf verschiedene menschliche Aktivitäten aus, die eng mit der Dynamik von Ungleichheit verbunden sind, wie beispielsweise die Sicherung der Ernährung und Lebensgrundlagen. Und Ungleichheit mit ihren kaskadenartigen Folgen ist die Ursache für einige der größten Sicherheitsbedrohungen, denen die Welt gegenübersteht. Es beginnt also lange vor den Kosten für den Wiederaufbau nach einer Katastrophe. Mal davon abgesehen, dass die Erderwärmung bei weitem nicht das einzige Problem sein wird.

Dort nämlich, wo die Sicherheit der Menschen bereits gefährdet ist, lassen sich die Auswirkungen der Klimakrise nur schwer bewältigen. Sie führen eher zu weiteren Verschlechterungen der Sicherheitslage und Konflikten. Ein Beispiel für eine solche verpasste Chance ist Afrika. Der Kontinent verbucht die höchste Zahl an Konflikten und beherbergt einige der Regionen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Hinzu kommen eine extrem geringe Anpassungsfähigkeit und der geringste jährliche Anteil an Klimafinanzierung.

Ob bewusst oder unbewusst – Sicherheit ist immer auf der Agenda

Bei der COP27 hat man aber die Chance vertan, Konflikte durch die Brille des Klimawandels zu betrachten. Denn Frieden und Konfliktlösung blieben im Abschlussdokument, dem sogenannten Sharm El Sheikh Implementation Plan, völlig außen vor. Doch am Rande der Konferenz haben einige führende Politiker*innen das Forum genutzt, um vorauszuplanen und das Narrativ zu diesem Thema zu erweitern.

Auf einem vom Auswärtigen Amt und adelphi organisierten Side-Event zur Climate for Peace Initiative hat Außenministerin Annalena Baerbock zwar die Wichtigkeit der Loss-&-Damage-Diskussionen betont. Diese sollten aber die Eindämmung der Klimarisiken nicht verdrängen: „Wenn wir von Verlusten und Schäden sprechen, können wir für ein zerstörtes Haus entschädigen. Für Menschen, die gestorben sind, kann es keine Entschädigung geben“, sagte die Ministerin sinngemäß. Der Klimawandel sei eine Bedrohung für den internationalen Frieden und die Sicherheit.

Botschafter Ahmed Abdel-Latif, Generaldirektor des Cairo International Center for Conflict Resolution, Peacekeeping and Peacebuilding (CCCPA) leitet zusammen mit der Afrikanischen Union und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) eine Initiative, die einen Zusammenhang zwischen nachhaltiger Entwicklung, Klimawandel und Sicherheit herstellt. Sie trägt den Namen „Climate Responses for Sustaining Peace” (CRSP). Die neue diplomatische Plattform soll die Verbindung zwischen Klimaanpassung und Friedenskonsolidierung stärken, widerstandsfähige Ernährungssysteme schaffen, Lösungen für die Klimavertreibung vorantreiben und die Klimafinanzierung ausweiten. „Wir sollten weniger über Konflikte und Bedrohungen sprechen, damit wir mehr über Frieden reden können und darüber, wie wir ihn erhalten“, so Abdel-Latif.

Vielleicht lässt sich auf diese Weise die Komplexität des Themas erfassen, das sich dem Auge der Öffentlichkeit entzogen hat – mit schwerwiegenden Folgen. Im Mittelpunkt sollte nicht ein einzelnes, negatives Erlebnis stehen, das leicht vergessen wird, sobald die Notlage vorüber ist. Stattdessen kann und sollte die Friedenskonsolidierung in sämtliche Entwicklungsmaßnahmen und Klimaschutzpläne eingebettet werden. Denn wer genau versteht, wie sich der Klimawandel lokal auf die Sicherheitsdynamik auswirkt, und wer mit lokalen Akteur*innen wie indigenen Völkern, Frauen und Jugendlichen zusammenarbeitet, kann die optimalen Wege zum Frieden und zur Bewältigung des Klimawandels für jeden einzelnen Kontext erschließen. So wie die Staats- und Regierungschefs der Welt jedes Jahr zusammenkommen, um über die Reduzierung der globalen Emissionen und die Abmilderung der Folgen vergangener Fehler zu diskutieren, kann die Friedensförderung ein kontinuierlicher Prozess sein, der den Weg für eine bessere Zukunft ebnet.


Lou del Bello ist Energie- und Klimajournalistin und arbeitet in Delhi. Vor ihrem Umzug nach Indien war sie in Italien, Großbritannien und Kenia tätig. Ihr Fokus liegt auf Wissenschaft, Klimadiplomatie, Energiepolitik und Geopolitik. Ihre Texte erschienen bei Nature News, New Scientist, BBC Future, Undark, Bloomberg und vielen mehr. Sie leitet den unabhängigen Newsletter „Lights On“, der sich mit Klima- und Energiethemen in Indien befasst.