Neuer WWF-adelphi-Report: Umweltzerstörung als Treiber globaler Konflikte

Eine neue Studie des WWF und adelphi nimmt den komplexen Zusammenhang zwischen Natur und Sicherheit unter die Lupe. Darin wird deutlich: Die Umweltzerstörung führt zu Unsicherheit und verschärft Konflikte – und umgekehrt. Doch die UN könnte dabei helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

03.06.2022

Durch weitreichende Eingriffe des Menschen in die Natur sind natürliche Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten. Damit ist im Allgemeinen auch die Grundlage für menschliches Wohlbefinden, Wohlstand und die Sicherheit von Menschen bedroht.

Dies gilt insbesondere für zwei sehr eng miteinander verknüpfte Krisen: den Verlust der biologischen Vielfalt und den Klimawandel. Ökosysteme, die ein ausgewogenes Klima und eine Biodiversität erhalten und von beidem abhängen, stehen im Mittelpunkt dieser Doppelkrise. Erschwerend hinzu kommt, dass Unsicherheit und Konflikte im vergangenen Jahrzehnt weltweit zugenommen haben. Und nicht zuletzt aufgrund des Kriegs in der Ukraine haben geopolitische Spannungen ein Niveau erreicht, das an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert.

Teufelskreis durchbrechen: Der Natur-Sicherheit-Nexus

Natur und Konflikte stehen zunehmend in Wechselwirkung. Wenn die Auswirkungen der Umweltzerstörung und der Verlust der biologischen Vielfalt zu mehr Unsicherheit und zur Verschärfung von Konflikten beitragen, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass Unsicherheit und Konflikte die Umweltzerstörung vorantreiben – ein Teufelskreis. Und genau hier setzt die neue WWF-adelphi-Studie „The Nature of Conflict and Peace” an.

Die komplexen Wechselwirkungen verschiedener sozialer, wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Risikofaktoren bilden darin den sogenannten Nexus Natur-Sicherheit. Die Zusammenhänge zwischen Klima und Sicherheit sowie zwischen Natur und Sicherheit überschneiden sich und können nicht völlig unabhängig voneinander behandelt werden. Der Natur-Sicherheit-Nexus umfasst jedoch zusätzliche Wechselwirkungen, bei denen Klimaauswirkungen keine oder nur eine geringere Rolle spielen. Daher stellt der Natur-Sicherheit-Nexus eher die biologische Vielfalt und Ökosysteme als den Klimawandel in den Mittelpunkt.

Diese ganzheitliche Perspektive ermöglicht die Bewertung einer ganzen Breite an Interaktionen zwischen Umwelt, Frieden und Sicherheit. Die Autor*innen erläutern den Natur-Sicherheit-Nexus anhand von vier Wegen, die aufzeigen, wie die Folgen der Umweltzerstörung und der Verlust der Biodiversität mit Konflikten, Unsicherheit und Frieden interagieren.

1. Unsichere Lebensgrundlagen und Instabilität

Globale Klima- und Umweltveränderungen bedrohen Ökosysteme, die für Millionen von Menschen eine wichtige Lebensgrundlage darstellen, insbesondere für indigene Bevölkerungsgruppen. Damit gehen Risiken und Unsicherheiten für Ernährung, den Wasserkreislauf und die Energieversorgung einher. Dies wiederum kann zu politischer Instabilität beitragen, politische Spannungen verschärfen und im schlimmsten Fall Regierungen überfordern.

Wenn Existenzgrundlagen bedroht sind, ist die Bevölkerung anfälliger für illegale und kriminelle Machenschaften, beispielsweise indem sie sich bewaffneten und terroristischen Gruppen anschließt. Zudem kann Migration eine Antwort auf mangelnde Lebensgrundlagen sein, die, wenn sie nicht angemessen gesteuert wird, zu weiteren Spannungen, Konflikten und Gewalt in aufnehmenden Gemeinden führen sowie weiteren Druck auf natürliche Ressourcen, den Arbeitsmarkt und staatliche Leistungen am Zielort ausüben kann.

2. Grenzüberschreitende Umweltkriminalität und Konfliktfinanzierung

Der Verstoß gegen geltendes Umweltrecht wird oft als Umweltkriminalität bezeichnet. Im deutschen Strafgesetzbuch zum Beispiel fällt sie unter die Überschrift „Straftaten gegen die Umwelt“. Zu den Bereichen, die besonders relevant für organisierte Kriminalität und Konfliktfinanzierung sind, zählen illegaler Bergbau, Ölförderung und -handel, Drogenanbau, Wilderei und Wildtierhandel oder illegale Holzgewinnung und -handel.

Die grenzüberschreitende Umweltkriminalität ist eine der lukrativsten Einnahmequellen für bewaffnete Gruppen. Sie ist Teil der politischen Ökonomie von Konflikten. Diese tendiert dazu, staatliche Institutionen zu korrumpieren und zu unterwandern, was den Staat schwächt und zu weiterer Instabilität und Konflikten führt.

3. Konkurrenz und Konflikte um natürliche Ressourcen

Alltägliche Konflikte um Lebensgrundlagen wie Wasser, Wald und Land kennzeichnen heute viele Regionen des sich rasant erwärmenden Planeten. Dieser Wettbewerb um natürliche Ressourcen kann allerdings in Gewalt umschlagen. Extreme Hitze, seltenere Regenfälle und die Präsenz nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen verschärfen die Situation zusätzlich.

Es entstehen Konkurrenzkämpfe, vor allem in Gegenden, die bereits von gewalttätigen Konflikten geprägt sind und wo der Lebensunterhalt bestimmter Gruppen oft direkt von natürlichen Ressourcen abhängt. Hiervon sind insbesondere indigene Gruppen betroffen. Wo zudem grenzüberschreitende natürliche Ressourcen unter Druck stehen, können auch Spannungen zwischen Staaten zunehmen. Die Konflikte zwischen den Ländern Ägypten, Äthiopien und Sudan rund um den größten Staudamm Afrikas, den Grand Ethiopian Renaissance Dam, sind ein Beispiel dafür.

4. Kriege zerstören die Umwelt

Kriege und Konflikte können auch direkt zu Umweltzerstörung führen, etwa durch den Einsatz militärischer Waffen und der daraus resultierenden Zerstörung von Gebieten. Auch werden natürliche Ressourcen zunehmend als Kriegswaffen eingesetzt, beispielsweise indem Staudämme gesprengt werden. Nachhaltige Umweltschutzmaßnahmen bleiben in Konfliktzeiten oft auf der Strecke, was den verantwortungsvollen Abbau natürlicher Ressourcen verhindert und die Zahl der Umweltverbrechen erhöht.

Eine Umweltsicherheitsagenda muss her

Die vier Pfade verdeutlichen, dass sich Umweltkrisen und Unsicherheit häufig gegenseitig verstärken. Ein Teufelskreis, der Stabilität und Frieden erschwert oder blockiert. Gleichzeitig schreiten der Verlust der biologischen Vielfalt und die Klimakrise voran. Zusammen bedrohen sie die Menschheit: ihr Wohlbefinden, ihre Lebensgrundlagen und ein friedliches Zusammenleben. „Die Studie spiegelt auch die Fortschritte bei der wissenschaftlichen Betrachtung des Sicherheitsbegriffs in den vergangenen 30 Jahren wider. Was jedoch die aktuellen Krisen und Konflikte betrifft, so besteht ein dringender Bedarf an verstärkten Präventionsmaßnahmen und einem Aufbau von Resilienz“, sagt Lukas Rüttinger, Senior Advisor und Sicherheitsexperte bei adelphi.

Er und die weiteren Autor*innen der Studie schlagen deshalb eine umfassende Agenda zur Umweltsicherheit vor, für die sich alle Akteur*innen im Bereich Sicherheit, Umwelt und Entwicklung einsetzen sollten. Im Fokus der gemeinsamen Maßnahmen sollte die Bekämpfung der Ursachen für Umweltzerstörung, Biodiversitätsverlust, Unsicherheit und Konflikten stehen. Die vier aufgezeigten Wege des Natur-Sicherheit-Nexus können dabei als mehrdimensionale Ausgangspunkte für künftige Maßnahmen und mögliche nächste Schritte für die Ausgestaltung einer umfassenden Umweltsicherheitsagenda dienen. Diese würde die bestehenden Aktivitäten und Initiativen zu klimabedingten Sicherheitsrisiken ergänzen.

Empfehlungen an die UN

Der Bericht enthält gleich mehrere konstruktive Vorschläge für verschiedene Organe, Programme, Finanzierungsinstrumente, Sonderorganisationen und Gremien der UN. So etwa raten die Wissenschaftler*innen dem UN-Sicherheitsrat, den Zusammenhang zwischen Natur und Sicherheit im Rahmen von Friedensmissionen zu berücksichtigen. Es wird empfohlen, dass die Generalversammlung institutionell gestärkt wird, um den Natur-Sicherheit-Nexus im gesamten UN-System adressieren zu können. Das Entwicklungsprogramm (UNDP) sollte seine integrierten Programme, die nachhaltige Entwicklung, Umwelt und menschliche Sicherheit miteinander verbinden, weiter ausbauen. Das Welternährungsprogramm (WFP) könnte Strategien weiterentwickeln, um Abhängigkeit von Hilfe und Unterstützung langfristig zu verringern.  

Die strukturelle Herausforderung für den globalen Frieden und die Sicherheit, die der Natur-Sicherheit-Nexus stellt, sei von der UN noch nicht vollständig berücksichtigt und entsprechend angegangen worden. Angesichts des Ausmaßes der Umweltkrisen und ihrer entscheidenden Bedeutung für die Unsicherheit ist dies jedoch zwingend erforderlich, argumentieren die Autor*innen. Die Empfehlungen an die UN beziehen sich auch auf deren Bemühungen, besser und geschlossener zusammenzuarbeiten, daraus entstehende Synergien zu nutzen und sektorübergreifende Ansätze zu fördern.


Hier können Sie die Publikation "The Nature of Conflict and Peace" herunterladen.

Kontakt: Lukas Rüttinger